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Tortuga

Stadtgeschichte

Ein Auszug aus unserer Bewerbung

Regen peitscht gegen die Fenster der Taverne. Trotz des schlechten Wetters scheint die Stimmung in dem nur mit Kerzen erleuchtetem Raum recht gut zu sein. Ein Feuer prasselt munter im Kamin, aus einer Ecke erklingt ein fröhliches Seemannslied. Manch derber Spruch und aufforderndes Pfeifen schallen den wenigen leichten Mädchen hinterher, die sich in solchen Spelunken gerne anfinden.
Ein lauter Donner lässt die Krüge auf den Tischen erzittern, als plötzlich die Tür zur Taverne aufgestoßen wird. Die Silhouette eines zerlumpten Mannes wird sichtbar. Urplötzlich ist es ganz still in der Taverne. Alles blickt Richtung Tür. Mit langsamen, schlurfenden Schritten betritt der Mann den Raum. Ein Bein zieht er etwas hinter sich her. Das Gesicht des Neuankömmlings ist kaum zu sehen, eine Kapuze hängt ihm tief ins Gesicht, als seine raue Stimme ertönt: „Schenk! Gib mir das stärkste Gebräu, dass diese elende Spelunke unter der Theke vergammeln lässt!“
Mit seiner lauten Stimme und seiner zerrissenen Kleidung zieht er sogleich die Aufmerksamkeit einiger angetrunkener Männer auf sich.
„Ein ganz schön loses Mundwerk hast Du da, Fremder!“ drohend tritt ein Mann auf ihn zu. Solch unfreundlichen Gesellen sind nicht gerne gesehen an einsamen Häfen. Mürrisch stellt der Wirt mit Schwung einen Krug mit Starkbier auf den Tresen. Mit einer fahrigen Handbewegung und die Umgebung um sich rum ignorierend greift der Fremde danach und nimmt einen tiefen Zug. „Bah! Was soll das sein!“ Seine Stimme wird lauter und schreckt auch die letzten Leute auf, die noch in Unterhaltungen vertieft waren. „Rum, ich will ordentlichen Rum und nicht so eine Plörre!“
„Wer bist Du denn, dass Du solche Forderungen stellst?“ langsam wird auch der Wirt ungehalten. Er greift nach seiner Pistole, die immer bereit unter dem Tresen liegt. Ein freudloses Lachen erklingt unter der Kapuze. „Wer ich bin? Nun, Du müsstest mich nur zu gut kennen.“ Er streift seine Kapuze ab. Zum Vorschein kommt ein zerfurchtes Gesicht. Einige Narben entstellen es, doch ist in den Augen des Fremden ein spitzbübisches Grinsen zu sehen.
Die Hand des Wirts sinkt. Erkennen blitzt in seinen Augen auf. „Nein, Black, alter Kumpel!“ Freundschaftlich schlagen sich die beiden in die Hände. Die Stimmung löst sich merklich in der Taverne und zeitgleich scheint sich auch das Wetter draußen ein wenig zu beruhigen. Lachend holt der Wirt eine Flasche Rum aus dem Regal, stellt zwei Gläser auf die Bar und schenkt ein. „Man, man, Black, alter Halunke! Ewig ist es her, dass ich Dich einmal gesehen hab. Erzähl, erzähl, was treibt Dich hierher? Wie ist es Dir die letzten Jahre ergangen?“
Der Mann namens Black setzt sich. Einige Neugierige scharren sich um ihn herum. Solch eine merkwürdige Gestalt. Die Geschichte scheint interessant zu werden...
Nach einem tiefen Schluck Rum und dem Wink zum Wirt, er solle ruhig weiter einschenken, holt Black tief Luft und beginnt zu erzählen:
„Oh man, lange ist es her, dass ich zuletzt hier war... wo soll ich denn mit meiner traurigen Geschichte anfangen? Ich glaube, das letzte Mal hast Du mich gesehen, als ich auf die Idee kam sesshaft zu werden und mir ein Haus in einer damals noch recht kleinen Stadt zu bauen, oder?“
Der Wirt nickt heftig. Schon damals hat er die Idee für recht merkwürdig gehalten. Noch nie wohnte sein alter Freund in einer Stadt. Zu Beginn hatte er gedacht, dass dies eine kurze Phase würde. Und dann hatten sie sich aus den Augen verloren.
„Ja, die Idee, in eine Stadt zu ziehen. Ich weiß, ich weiß, ich und eine Stadt, wo ich die Konzepte nie verstanden habe. Aber weißt Du was, Kumpel? Dieses verfluchte geruhsame Leben, das war echt ne geniale Zeit! Ich bin ja ziemlich schnell in dieses Nest gezogen. EasyTownMunich hieß das Kaff. Jaja, damals war das noch nicht so groß. Aber das sollte sich bald ändern.“ Wieder nahm er einen tiefen Schluck Rum und schüttelt sich kurz. Das Zeug war stärker als er vermutet hatte. „eTM, ja, das war was. Wenn Du glaubst, dass es Schlitzohren nur auf der Strasse gibt und auf hoher See, dann hast Du noch nicht so manch einen Stadtrat erlebt!“ freudlos lacht er auf und schüttelt den Kopf.
„Auf der Strasse weißt Du wenigstens sofort, was für Gestalten Du gegenüber stehst. Da kannste das einschätzen und weißt, wann Du besser die Hand am Messer hast, um Dich zu verteidigen. Aber Politiker... nee, nee, die sind mit ganz anderen Wassern gewaschen! Ich hatte ja keine Ahnung.“
„Haha, da bist Du wohl an einen Scharlatan geraten“ wirft der Wirt ein und unterbricht die Erzählung. „Nicht jede Stadt wird von Tunichtguts regiert! Aber was war denn los, dass Du so erbost bist?“ Während er diese Worte sagt, kippt er fleißig Rum nach. Gelöste Zungen reden bekanntlich ehrlicher und besser.
„Was los war? Wir sind nach Strich und Faden übers Ohr gehaun worden!“ Black springt auf bei diesen Worten „Mit Engelszungen sprach der Bürgermeister auf jeden ein, der des Weges kam. Immer schneller wuchs die Stadt. Teilweise noch halbe Kinder bauten auf einmal Häuser. Eine schnell wachsende Stadt, das ist ja was Schönes. Ich muß sagen, die Bewohner dieses Ortes sind mir bald an mein viel zu weiches Herz gewachsen! Ich werde halt sentimental auf meine alten Tage.... erst das Rathaus, dann ein Gildenhaus, als nächstes war eine Burg in Planung. Tja, die Pläne waren schon nicht schlecht. Aber es gab da ein ganz anderes Problem. Weißt Du, am Anfang muß man sich ja erst an seine Umgebung gewöhnen. Jeden Tag lernt man die Stadt besser kennen. Jeden Tag kommt man mit den Nachbarn etwas besser klar. Stell Dir vor, ich und Nachbarn! Wo ich doch sonst nur von Ort zu Ort gefahren bin. Und plötzlich sind da Menschen, die sich umeinander kümmern.... das war echt merkwürdig. Aber irgendwann bin auch ich Halunke da rein gewachsen. Ich schieb es aufs Alter. Das wäre mir früher nicht passiert.
Na, wie dem auch sei. Wir haben uns allesamt gut angefreundet. Fast alle waren immer für ein Schwätzchen zu haben. Ein ordentliches Spiel und ein Glas dazu: Spaß war immer da! Doch irgendwann kennt man seine Pappenheimer. Irgendwann fühlt man sich doch tatsächlich zu Hause. Und da fingen viele von uns an, sich mal etwas mehr um die Belange der Stadt zu kümmern. Wo bekam eTM eigentlich seine Rohstoffe her? Oder wie funktioniert das eigentlich alles hier? Solch Zeug halt.
Und dann kamen auf einmal Fragen auf. Wo war eigentlich der eine Nachbar geblieben? Letztens hatte man noch gehört, dass er sich gestritten hätte mit dem Bürgermeister und jetzt ist er nicht mehr da. Die Stadtwache ruft nur überall herum: Kein Einlass mehr für diesen Mann! Das hat uns schon verwundert. Aber egal, manche Sachen muß man nicht verstehen.
Und dann kam eine Zeit, da hatten wir den Überblick. Und dann sind uns so Sachen aufgefallen. Der Bürgermeister wurde bei immer mehr Halbwahrheiten ertappt. Das Gildenhaus zog zu uns in die Stadt. Wir hatten die Befürchtung, dies lief mit einigen Schmierereien ab! Ein Halunke erster Güte, der sein Gesicht hinter schönen Worten verbirgt!“ Black spuckt abwertend vor sich auf den Boden bevor er fortfährt. „Ja, ja, das war schon ein dolles Stück. Der Bürgermeister wiegte sich bei all dem in Sicherheit. Wir Bürger würden die unsauberen Geschäfte schon nicht mitbekommen. Da hat er sich aber geschnitten! Zwei Bürger wurden plötzlich umbenannt. So richtig warum und weshalb kam die Wahrheit nur nach und nach ans Licht. Beschissen haben die zwei!
Nach all dem, was da noch so war, das wollten wir uns alles nicht mehr bieten lassen. Alles Reden war fruchtlos, warum auch auf die Bürger hören? Tja und dann kamen neue Wahlen. Wie im Mittelalter fühlte man sich. Mitten in der Nacht wurden einige Nachbarn von den Wachen und Handlangern des Bürgermeisters aus den Betten gerissen und vor die Stadtmauer geschleift. Verbannt hat dieser Halunke sie! Ne andere Meinung als seine gab es nicht! PAH! Aber da hat er nicht mit uns gerechnet! Ein Volksaufstand, ein riesen Tumult entstand in dieser Nacht und wir haben ihn mit seiner ach so tollen Stadt verlassen. Einfach so... nee, soll er seinen Mist woanders machen. Inzwischen hatten wir genügend Erfahrung gesammelt, was die Führung einer Stadt angeht! Auf diese zwielichtigen Geschäfte und seine Diktatur kann er sich alleine einlassen! Und somit begann meine Wanderung durch die Gegend. Wieder heimatlos“
Mit einer fahrigen Handbewegung, bei der die Hälfte des Rums auf dem Boden landet, kippt er das nächste Glas herunter. In der Taverne ist es inzwischen ganz still. Alle lauschen der Geschichte dieses Mannes.
Mit einem merkwürdigen Blick schaut der Wirt seinen alten Kumpel an: „Und nun? Wenn ihr Euch doch alle so toll verstanden habt, was wird jetzt aus Euch?“
Der Blick Blacks schweift in die Ferne. „Sagt Dir Tortuga etwas?“
„Tortuga? Nein“
„Tortuga, das ist unsere Idee... Tortuga soll für all das stehen, was dieser so genannte Bürgermeister nie verstanden hat. Eine Gemeinschaft aus Freunden, die ehrlich sind. Auch wenn Wahrheit manchmal weh tut. Die nichts verschweigen. Offen reden und Diskussionen bis aufs Blut führen. Das beste für die Gemeinschaft, durch Ehrlichkeit und Demokratie! Ich werde Pirat, mein lieber Freund!“
Fassungslos schaut der Wirt ihn an. Stille herrscht im Raum, bei dem Wort Pirat hat auch der letzte die Ohren gespitzt.
„Pirat? Ein Freibeuter? Die haben das Wort Demokratie doch noch nie gehört...“ zweifelnd blickt er sein Gegenüber an.
„Oh doch, mein Freund! Da herrscht mehr Demokratie als Du Dir vorstellen kannst. Da werden Kaperfahrten bestimmt, Entscheidungen für alle auch gemeinsam gefällt. Raue Sitten, vielleicht. Aber nie auf die Kosten anderer. Und zeig mir einen Politiker, der das eindeutig Leben kann. Tortuga, mitten in der Karibik, Tortuga, eine Stadt von Freidenkern, Freunden und Freibeutern. Das Gute daran ist, dass die Regeln klar sind. Jeder kennt alle Posten, jeder weiß, was zu tun ist. Alles wird gemeinschaftlich entschieden und solche Vorenthaltungen und Lügen wie die, die ich erlebt habe, können gar nicht passieren. Da wissen zu viele bescheid, wie der Hase wirklich läuft. Ich sag Dir, mein Freund, Tortuga, das wird die Stadt für Dich, wenn Langeweile Dein Leben beherrscht und Du wieder Spannung und Gerechtigkeit finden willst....“
Der Blick Blacks schweift in die Ferne und ein seliges Lächeln umspielt seine Lippen. Seine Gedanken sind in der Karibik. Sicher, es muß noch viel getan werden. So eine Versorgung einer Piratenstadt ist nicht so einfach. Aber wenn einem vorgeworfen wird, dass man mit Gerechtigkeitssinn und Ehrlichkeit schon ein Revoluzzer ist. Dann, ja dann ist das Piratensein doch eigentlich gar nicht schlecht.
„meinst Du, das Leben in einer Piratenstadt ist so viel besser als wenn du gleich in eine andere ziehen würdest?“ der Wirt blickt ihn kritisch an.
Black schaut ihn ernst an. Sein Blick scheint sich in seine Augen zu bohren. „Weißt Du was? Wir sind eine tolle Truppe. Viele von uns haben schon Erfahrung, was Städte angeht. Viele haben sich schlau gemacht. Und das beste daran ist: Wir haben die schlimmsten Fehler erlebt, die man machen kann als Stadtrat. Daraus haben wir mehr als gelernt. Und noch viel gewichtiger: Wir glauben an unser Idee und jeder einzelne glaubt an die Verwirklichung und ist mit Eifer bei der Sache! DAS ist wichtig mein Freund! Damit verwirklicht man Träume! Mit Entschlusskraft, Wissen, Freude und als Gemeinschaft. Demokratie, ich sag es Dir...“ Mit diesen letzten Worten setzt er sich seine Kapuze wieder auf und dreht sich um. „Wir werden uns wiedersehen, alter Freund! Und wenn Du unzufrieden bist, Du weißt, wo Du mich erreichst... in der Karibik“
Das Klingen einiger Münzen ist zu hören, die auf dem Tresen landen. Und so plötzlich wie er erschien, ist Black auch wieder verschwunden. Hinaus in die Dunkelheit, in ein neues Leben. Sprachlos schauen ihm einige nach und seine Worte klingen noch eine Weile in ihren Köpfen nach. Tortuga, ob es Wirklichkeit ist?
Dieser Text wurde zuletzt von Stechmuck (Kmmerer) am 27.07.2005 bearbeitet.